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Informationsrevolution

Zweiter »Kolben«: Die Informationsrevolution

Vor über 200 Jahren behauptete Benjamin Franklin, daß ein Arbeitstag nur noch fünf Stunden dauern müßte, wenn jeder produktiv arbeitete. Vor 60 Jahren schätzten der englische Philosoph Bertrand Russell und Louis Mumford, ein amerikanischer Schriftsteller und Gesellschaftskritiker, daß eine 20-Stunden-Woche ausreichte, um alle nötigen Güter und Dienstleistungen für unsere Gesellschaft zu produzieren. Seit 30 Jahren prophezeien viele Wirtschaftsexperten immer wieder kürzere Wochenarbeitszeiten oder den Beginn des Rentenalters mit 38 Jahren.

 

Im Gegensatz zu all diesen optimistischen Voraussagen wird jedoch überall ein erbitterter Kampf um die Jobs ausgetragen. Weltweit sind mindestens 700 Millionen willige und leistungsfähige Menschen seit langer Zeit ohne Anstellung oder unterbeschäftigt. Arbeitslosigkeit galt früher hauptsächlich als Problem der Entwicklungsländer, inzwischen hat sie aber längst auch auf die »entwickelten« Länder übergegriffen. Europa erlebt seine schlimmste Beschäftigungskrise seit den 30er Jahren; in Japan war die Arbeitslosigkeit noch nie so hoch wie gegenwärtig. In den USA macht sich der Kampf um die Stellen weniger in Form von Beschäftigungslosigkeit als vielmehr in einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen bemerkbar: Zwischen 1973 und 1993 stieg zwar die Arbeitsleistung in den USA um 30 Prozent, die Bezahlung dagegen sank im selben Zeitraum inflationsbedingt um etwa 20 Prozent. Gleichzeitig nahm die Zahl der Arbeitsstunden um 15 Prozent zu. »Workaholismus« gilt mittlerweile als Voraussetzung, wenn man seinen Job behalten will. Der Psychologin Barbara Killinger zufolge hat sich diese krankhafte Sucht »zur Hauptursache für das Scheitern einer Ehe« entwickelt. Die Internationale Arbeitsorganisation der UNO bezeichnet den Streß im Berufsalltag als »ein weltweites Phänomen«.

 

Die bittere Wahrheit ist, daß die postindustrielle Weltwirtschaft die Arbeitskraft aller sechs Milliarden Menschen gar nicht braucht und ihnen daher nicht mehr Jobs anbieten kann (von den acht Milliarden Erdenbürgern im Jahr 2019 wollen wir erst gar nicht sprechen). Und für viele große Konzerne ist ein Wachstum ohne die Schaffung zusätzlicher Stellen keinesfalls Zukunftsmusik, sondern bereits heute Realität. Das Ausmaß des Problems zeigt sich anhand von Statistiken, die bei William Greider zitiert werden: In den vergangenen 20 Jahren konnten die 500 größten Konzerne der Welt ihre Produktion und ihren Absatz um 700 Prozent steigern, gleichzeitig bauten sie aber Personal ab.

 

Wirtschaftsexperten werden sofort argumentieren, Produktivitätssteigerungen in einem Sektor schafften normalerweise Arbeitsplätze in anderen Bereichen und der technische Fortschritt habe, »langfristig« gesehen, keine Bedeutung für die Entwicklung der Beschäftigtenzahlen. Es kann allerdings niemand behaupten, daß der technische Fortschritt nicht zu einer massiven Verlagerung der Arbeitsplätze führt. Auch die erforderlichen Qualifikationen verändern sich grundlegend. Wenn sich der Wandel rasch vollzieht - wie es bei der Informationsrevolution der Fall ist -, sind solche Arbeitsplatzverlagerungen genauso destruktiv wie ein Verlust des Arbeitsplatzes auf Dauer. Wie viele Stahlarbeiter können z. B. realistischerweise damit rechnen, zu Computerprogrammierern oder Anwälten umgeschult zu werden, so groß die Nachfrage in diesen Bereichen auch sein mag?
William Bridges, ein Experte für die Zukunft der Arbeit, vertritt in diesem Zusammenhang folgende Ansicht: »In nur einer Generation wird unser Gerangel um Arbeitsplätze dem Kampf um Liegestühle an Bord der Titanic ähneln.«

 

Die einzigen Gesellschaften auf der Welt, die heute weniger als vier Stunden am Tag arbeiten, sind die wenigen noch existierenden »primitiven« Naturvölker, die wie schon vor 20 000 Jahren als Jäger und Sammler leben. Ähnlich verhält es sich in der Landwirtschaft: Im mittelalterlichen Europa des 10. bis 13. Jahrhunderts verbrachte ein Bauer durchschnittlich weniger als die Hälfte seines Tages mit Arbeit. Machen wir etwas falsch?
Wassily Leontief, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, faßt die Entwicklung folgendermaßen zusammen: »Die Bedeutung des Menschen als wichtigster Produktionsfaktor wird sich genauso verringern wie einst die Bedeutung der Pferde in der Landwirtschaft, die schließlich durch die Einführung des Traktors völlig überflüssig wurden.« Wir konnten die Arbeitspferde friedlich aussterben lassen, aber was machen wir mit den Menschen?

 

Hier lautet die »Geldfrage«: Wie können wir zusätzlichen Milliarden Menschen einen Lebensunterhalt bieten, wenn der technische Fortschritt keine zusätzlichen Arbeitsplätze schafft?