Die Überalterung
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Erster »Kolben«: Die Überalterung der Bevölkerung
Das durchschnittliche Lebensalter des Menschen lag im Verlauf seiner Geschichte bei etwa 18 Jahren. Während des 19. Jahrhunderts und verstärkt in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts führten dramatische Fortschritte in der Hygiene, Ernährung, Lebenshaltung und Medizin zu einer Steigerung der Lebenserwartung. In den Industrieländern beträgt das Lebensalter heute im Schnitt 80 Jahre für Frauen und 76 Jahre für Männer. Als Folge davon leben zwei Drittel aller Menschen, die jemals über 65 Jahre alt wurden, in der heutigen Zeit. Die Zahl 65 wurde, nebenbei bemerkt, von Reichskanzler Bismarck im 19. Jahrhundert als offizielles »Rentenalter« festgelegt, also in einer Zeit, da die Lebenserwartung in Deutschland bei etwa 48 Jahren lag. Damals ging man davon aus, daß nur wenige das »biblische« Alter von 65 Jahren erreichen würden. Unser ganzer Generationenvertrag zur Rentenversicherung ist daher eigentlich nur auf die Versorgung weniger Menschen ausgerichtet.
In den letzten Jahrzehnten werden wir die Auswirkungen dieser demographischen Veränderung zu spüren bekommen. Der Wandel ist absehbar, denn die daran beteiligten Menschen leben schon heute. Durchschnittlich ist etwa ein Bewohner von sieben in den Industrieländern bereits über 65. Im Jahr 1960 war dagegen lediglich einer von elf so alt oder älter. In nur 20 Jahren wird einer von fünf Bewohnern das Rentenalter erreicht haben und im Jahre 2030 fast jeder vierte (siehe Abb. 2).
Diese noch nie dagewesene »Alterslawine« wird die Weltwirtschaft und Weltpolitik verändern. Ein Experte meinte dazu: »Die weltweite Überalterung der Bevölkerung ist im 21. Jahrhundert nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Politik das beherrschende Thema. Sie wird die Innenpolitik der Industrieländer dominieren, ja geradezu heimsuchen, und eine Umgestaltung unserer Sozialverträge erforderlich machen.« Für die Probleme, vor die uns diese Alterslawine weltweit stellt, gibt es in der Geschichte keinen Präzedenzfall, an dem wir uns orientieren könnten.
Der weltweite Überalterungsprozeß bietet allerdings auch einige positive Auswirkungen. Beispielsweise ist die Chance, zu dieser historisch einmaligen Altersgesellschaft zu gehören, größer als je zuvor. Es besteht sogar die Hoffnung, daß sich aufgrund des hohen Prozentsatzes an erfahrenen und reifen Menschen in der kommenden Wissensgesellschaft eine Ära entwickelt, die den Namen »Zeitalter der Weisheit« verdient. Die Zeit wird es zeigen.
In der momentanen Übergangsphase müssen wir uns allerdings erst einmal den ernüchternden Tatsachen stellen. So sind etwa ungedeckte Rentenverpflichtungen ein ernstes Problem. Dabei handelt es sich um Leistungen, die den heutigen Berufstätigen bereits zustehen, für die aber keine Rücklagen existieren, weil die Gelder bereits jetzt an die derzeitigen Rentenempfänger ausbezahlt werden. Diese ungedeckten Verpflichtungen belaufen sich allein in den OECD-Ländern auf 35 Billionen Dollar (eine Summe, die von der amerikanischen Wirtschaft in fünf Jahren erwirtschaftet wird). Rechnet man noch die Kosten für die Gesundheitsfürsorge hinzu, ist die Zahl mehr als doppelt so hoch. Dabei haben wir bei diesen schwindelerregend hohen Zahlen nicht einmal den zukünftig steigenden Anteil der alten Menschen an der Bevölkerung mit einbezogen, der in Abb. 2 dargestellt ist.
Die folgende knappe »Geldfrage« faßt das sozialwirtschaftliche Dilemma zusammen, das die Überalterung der Bevölkerung mit sich bringt: Wie wird die Gesellschaft das Geld für die alten Menschen im Hinblick auf ihr erhöhtes Lebensalter aufbringen?